Alltag mit der Essstörung

Auswirkungen im Alltag

Viele Erzählerinnen berichten, dass ihr Alltag mit der Essstörung sich anfangs nicht sehr veränderte: Alles, was sie bisher machten, konnten sie auch weiterhin tun. Allerdings veränderte sich das bei vielen mit der Zeit. Das Essen und nicht-Essen bestimmten den Alltag immer mehr. Das zeigte sich manchmal nur in den Bereichen, in denen Essen im Mittelpunkt steht, wie z.B. gemeinsame Mahlzeiten mit anderen (siehe Essen im Alltag und mit anderen), manchmal war aber auch der ganze Tag davon bestimmt, da die Gedanken ständig um das Essen kreisten (siehe Gedanken und Gefühle in der Essstörung).

Viele Kleinigkeiten im Alltag können zu einem Problem werden, wenn sie die gewohnte Routine rund um das Essen und nicht-Essen stören. So berichtet eine Interviewpartnerin, dass es für sie schwierig ist, wenn es regnet, da sie dann nicht raus kann, um zu laufen, sondern in der Wohnung auf der Stelle laufen muss. Viele Erzählerinnen schildern feste Gewohnheiten rund um das Essen, die sie zumindest zeitweise im Alltag umsetzen mussten, damit sie sich wohlfühlten, wie z.B. immer um dieselbe Uhrzeit dieselbe kleine Mahlzeit zu sich zu nehmen (siehe Abnehmen, Essanfälle, Erbrechen).

Essen und nicht-Essen nahmen bei vielen mit der Zeit so viel Raum im Leben ein, dass kaum noch Zeit für andere Dinge wie Freunde, Freizeitunternehmungen aber auch wichtige Lebensphasen wie die Pubertät blieb. Einige beschreiben das Gefühl, dass Gedanken und Konzentration von der Essstörung vereinnahmt waren und es ihnen schwerfiel, sich noch auf andere Anforderungen wie Schule, Studium oder Arbeit zu konzentrieren (siehe Gedanken und Gefühle in der Essstörung). Rituale und Tätigkeiten rund um das Essen und Nicht-Essen wie z.B. Essen und Brechen, Sport und Bewegung nahmen sehr viel Zeit in Anspruch, so dass am Tag wenig Zeit für anderes übrig war.

Einige Erzählerinnen berichten auch, dass die körperlichen Auswirkungen der Essstörung dazu führten, dass sie wenig Energie und Reserven für Aktivitäten hatten. So wurde für Claudia Siebert ein Umzug, den andere in zwei Wochen erledigt hätten, eine „Riesensache“. Hinzu kamen Auswirkungen der Essstörung, wie z.B. Veränderungen des Körpers und der Körperwahrnehmung, die dazu führten, dass früher geliebte Hobbies nicht mehr ausgeübt werden konnten (siehe Körperliche Folgen und Körperbild).

 

Wochenenden, Urlaub, freie Zeiten

Viele Interviewpartnerinnen beschreiben freie Zeiten wie Wochenende oder Urlaub als schwierig. In diesen Zeiten fehlt die Ablenkung z.B. durch die Arbeit und so nimmt das Thema Essen überhand. Einige Erzählerinnen berichten, dass sie sich bewusst in diesen Zeiten verabreden, weil sie die Ablenkung und Struktur als hilfreich erleben.

 

Reisen und Wegfahren

Die Essstörung stellte für viele unserer Erzählerinnen eine große Barriere für Reisen oder Schulausfahrten dar. Da gerade in der Jugendzeit das Wegfahren von zuhause eine große Rolle spielt, waren viele mit der Frage beschäftigt, wie sie ihre Essstörung unterwegs managen könnten. Einige berichten, dass sie aus diesem Grund nicht mitfahren konnten, andere berichten, dass das Wegfahren trotz aller Schwierigkeiten wichtig war, um von zuhause wegzukommen.

 

Sport

Sport spielt im Alltag vieler unserer Erzählerinnen eine besondere Rolle: Für viele änderte sich die Rolle des Sports von einer Freizeitbeschäftigung, bei der der Spaß im Mittelpunkt stand, zu einer Pflicht im Kampf mit dem Essen und nicht-Essen. Einige berichten, dass sie im Laufe der Zeit keinen oder nur noch wenig Sport machen konnten, weil sie körperlich zu sehr erschöpft waren (siehe Körperliche Folgen).

Die Interviewpartnerinnen, denen es inzwischen wieder etwas bessergeht, erzählen, dass sie versuchen, Sport in einem gesunden Maß wieder anzufangen und ein Gefühl zu entwickeln, was ihnen gut tut.

Katharina Wagner hörte mit dem Sport auf, als es nur noch ein „Muss“ war. Heute versucht sie, in Maßen etwas zu machen.

 

Finanzielles

Einige Interviewpartnerinnen mit Essanfällen berichten, dass sie sehr viel Geld für die großen Mengen an Essen ausgegeben haben, die sie zu sich nahmen und wieder erbrachen. Manche erzählen, dass sie dadurch in finanzielle Nöte geraten sind und aus Not auch Essen oder Geld von anderen genommen haben. Carina Wintergarten erzählt, dass sie nach längeren Klinikaufenthalten eine Betreuung für finanzielle Angelegenheiten wünschte, da sie das Gefühl hatte, keine Erfahrung mit Einkaufen und Geld mehr zu haben.

 

Schule, Universität, Ausbildung

Die meisten unserer Interviewpartnerinnen gingen noch zu Schule, als die Essstörung begann. Viele erzählen, dass sie sich in der Schule sehr bemühten, allerdings im Verlauf der Essstörung ihre Konzentrationsfähigkeit litt und sich ihre Leistungen verschlechterten. So erzählt Stefanie Peters, wie sie von ihrer Deutschlehrerin angesprochen wurde, da ihr Aufsatz mittendrin keinen Sinn mehr ergab. Sie erklärt sich das damit, dass ihre Konzentration so abflachte.

Anderen gelang es, sich auf die Schule zu konzentrieren, dafür blieb dann keine Energie mehr für anderes im Leben. Einige Erzählerinnen waren noch während der Schulzeit für längere Zeit in einer Klinik. Diese Zeiten waren nicht leicht aufzuholen und manche wiederholten anschließend ein Schuljahr. Eine Interviewpartnerin erzählt, dass sie freiwillig eine Klasse wiederholte, um einen „Neustart“ mit neuen Leuten um sich herum zu bekommen.

Viele beschreiben, dass sie auch in Studium oder Ausbildung sehr ehrgeizig waren. Den meisten gelang es, ihre Ausbildung abzuschließen, wenn auch teilweise mit Verzögerung.

Für Klinikaufenthalte mussten einige sich für ein Semester beurlauben lassen oder Prüfungsphasen verschieben. Bei einigen Erzählerinnen veränderte sich die Art der Essstörung in der Ausbildung oder Studium, da sie weniger freie Zeit zur Verfügung hatten und z.B. nicht mehr so viel Sport machen konnten. So mussten sie andere Wege finden, ihr Gewicht zu halten oder zu reduzieren.

 

Berufstätigkeit

Die meisten unserer Interviewpartnerinnen, die ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben, stehen in einem Arbeitsverhältnis. Eine Interviewpartnerin ist momentan ohne Beschäftigung, eine wurde aufgrund der Essstörung und weiterer Erkrankungen berentet.

Viele Erzählerinnen berichten, dass ihnen die Arbeit hilft, sich nicht mit dem Essen und Nicht-Essen zu beschäftigen. Sie beschreiben, dass sie durch die Arbeit abgelenkt und beschäftigt sind und das Thema Essen beiseiteschieben können. Für manche bedeutet das, während der Arbeitszeiten gar nicht zu essen, andere beschreiben, dass sie die Mittagspausen nutzen. Gemeinsam mit Kollegen zu essen ist für einige schwierig, sie bringen sich lieber selbst Essen mit (siehe Essen im Alltag und mit anderen). Einige Interviewpartnerinnen berichten, dass sie im Arbeitsumfeld sehr angespannt waren und gerade das zu anschließendem Essen und Erbrechen führte. Bei einigen führte die körperliche Schwäche und Konzentrationsverlust dazu, dass sie ihren Job zeitweise oder dauerhaft nicht mehr ausführen konnten.

Clara Fischer erzählt, dass sie bei der Arbeit nicht ans Essen denkt, da die Arbeit allen Raum einnimmt.

 

Neue Strategien im Alltag

Viele unserer Erzählerinnen berichten, dass es ihnen inzwischen bessergeht, auch wenn die Essstörung für sie immer noch ein Thema ist. Einige berichten, dass sie nun im Alltag versuchen, einiges anders zu machen, um mit den verbliebenen Gedanken zum Essen besser klar zu kommen.

So erzählt Katharina Wagner, dass sie ihre Arbeitszeit reduziert hat, um Zeit für anderes zu haben, wie z.B. sich mit Freunden treffen, reiten zu gehen, eine Sprache zu lernen. Andere berichten, dass sie neue Strategien ausprobieren, im Alltag mit sich im Reinen zu sein.

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