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Für Ulrike Blessinger hat der Diagnoseschock langfristige Auswirkungen. Sie sieht eine Versorgungslücke.

Ja, was mir schon so auf dem Herzen liegt ist, dass ich merke, dass die Frauen in der Situation, in der sie die Diagnose erfahren, ja letztlich in einen Diagnoseschock fallen. Und das so gar nicht berücksichtigt wird, medizinisch, therapeutisch. Sie haben die Möglichkeit, zu einem Psychoonkologen zu gehen und sich da jetzt parallel ein bisschen Hilfe zu holen, aber dass das ja langfristig Auswirkungen hat, im Sinne von einem erfahrenen Schockzustand und es oft nur ganz einfache Trigger braucht Jahre später, damit dieses Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit wieder rauskommt.
Das wird den Frauen viel zu wenig vermittelt, beziehungsweise auch psychotherapeutisch gibt es da dann keine adäquate Begleitung.
Also dass dieser Ursprung eines Diagnoseschocks dann eigentlich verhallt oder nie thematisiert wird oder man denkt: Das verschwindet mit der Zeit. Und dann braucht es oft nur so ganz kleine Trigger.
Zum Beispiel auch diese massiven Ängste, die viele Frauen haben, wenn sie dann halbjährlich oder einmal im Jahr zur Mammografie müssen und dann mit Panikattacken und schweißgebadet in den Vorzimmern sitzen.
Und dass es da dann eben vier, fünf Jahre einfach kein Thema mehr ist oder sein darf, auch für die Frauen.
Also das ist ein Thema, das mir in diesem ganzen medizinischen Geschehnis untergeht. Und der Psychoonkologe steht den Frauen ja zur Verfügung während der Zeit ihrer engen Therapie im Klinikum. Sprich OP, Chemo, Bestrahlung. Aber wenn die dann zuhause sind und nach zwei, drei Jahren die massiven Nebenwirkungen der Antihormontherapie auftauchen, wo wirklich einfach dieses Gesamtselbstbild der Weiblichkeit massiv infrage gestellt wird, da ist dann kein Psychoonkologe mehr greifbar, der dann von der Kasse bezahlt wird.
Und da fehlt es auch an Psychoonkologinnen. Für diese Themen brauchen Frauen einfach geschulte Frauen als Ansprechpartnerinnen. Und das können wir als Selbsthilfe vielleicht überbrücken, aber nicht leisten.

Das heißt, Sie würden dafür plädieren, dass man auch Jahre später noch eine Psychoonkologin in Anspruch nehmen könnte, von der Kasse bezahlt?

Unbedingt, das wäre ganz, ganz wichtig. Gerade so nach zwei, drei Jahren bricht das noch einmal massiv ein mit der ganzen Thematik. Sexualität, wie kann die noch gelebt werden? Überhaupt: Bin ich eine Frau? Also wenn das dann alles einmal nach den Therapien zur Ruhe kommt und man wieder anfängt, in den Alltag einzusteigen. Dann ist auch vordergründig, dass man den Alltag wieder meistert, bewältigt.
Ob jetzt Kinder oder Haushalt oder was auch immer, Familienleben.
Und dann, so nach einem Jahr, taucht das dann erst noch einmal so richtig auf, diese ganzen Nebenwirkungen der Antihormontherapie und noch einmal sich selber als Frau gar nicht mehr wahrnehmen können. Und da ist für mich noch eine große Versorgungslücke da.

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