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Katharina Wagner wurde selbst nicht angesprochen auf ihre Krankheit, sie spricht heute andere Menschen an, die ihr auffallen.

War das denn im Verlauf so, dass Sie auch manchmal angesprochen wurden? Sie haben gesagt, Sie sprechen selber manchmal Leute an. Wurden Sie manchmal angesprochen?
Nein.
Gar nicht?
Nur die Blicke. Und die sind ganz schlimm. Beziehungsweise ich habe sie ja gar nicht gesehen. Also gerade, wenn man ganz, ganz, ganz dünn ist, da sieht man ja gar nichts mehr. Da läuft man mit Scheuklappen durch das Leben. Aber ich wurde nie angesprochen.
Von Lehrern?
Und wenn, dann war es irgendwie so: „Ja du bist ja eh so dünn. Du musst ja gar nichts sagen.“ Oder von Verkäuferinnen: „Also in Ihrer Größe haben wir keine Hosen, nein.“ Aber deswegen ist mir das halt auch so wichtig.
Also, aber auch einfach- ich mache das für mich. Weil ich kann nicht zugucken, wenn ein magersüchtiger junger Mann zwei Stunden auf dem Fahrrad sitzt und ich die ganze Zeit denke: Oh Gott, der steigt da jetzt runter und kippt mir gerade vor die Füße. Und keiner sagt was. Alle wissen es, keiner sagt was. Ich muss das für mich machen, dass ich wenigstens denke: Ich habe meine Sorge und meinen Ärger über diese Krankheit jetzt ausgesprochen. Weil sonst richte ich es wieder gegen mich. Und das geht auch so weit, dass ich dann sage: Ich kann es jetzt nicht mehr angucken. Ich gehe jetzt. Ich gehe jetzt in die Umkleidekabine, gehe schön warm duschen und ich gehe hier, ich kann nicht.
Wie wäre das denn für Sie gewesen, angesprochen zu werden?
Das kann ich gar nicht sagen.
In dieser ganz dünnen Phase-
Es kann entweder animieren, entweder ist man stolz: Ha, jetzt habe ich es geschafft! Oder es ist eben: Oh nein, jetzt sieht man es wirklich. Also ich kann es nicht sagen. Ich glaube, in der dünnen Phase wollte- ich wollte ja- ich wollte ja das Aufsehen erregen. – Ich wollte ja zeigen, wie ehrgeizig ich bin. Also ich wollte an dieser Krankheit festhalten immer. Und auch das fällt mir jetzt noch so schwer, davon loszulassen, weil dann sieht man es ja gar nicht mehr. Warum habe ich denn so lange gekämpft, dünn zu sein, wenn man es jetzt bald dann vielleicht irgendwann nicht sieht? Warum habe ich denn jeden Tag so viel Sport gemacht, wenn ich jetzt- ja, jetzt wenn ich drei Mal die Woche gehe, habe ich natürlich nicht mehr ganz so gute Kondition, wie wenn ich jeden Tag gehe. Warum war ich dann eigentlich jeden Tag, das ist ja blöd. Also diese Angst, von der besonderen Rolle wegzukommen. Ja, das ist schon noch da. Und die Energie reinzustecken, was anderes besonderes zu finden, was das ersetzt, ist natürlich aufwändig.

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