Die Erfahrungen von Nicole Hansen

Portrait Nicole Hansen ist zum Zeitpunkt des Interviews 50 Jahre alt und wohnt gemeinsam mit ihrem jüngsten Sohn, ihr ältester Sohn ist bereits ausgezogen. 2023 erhielt sie im Alter von 48 Jahren die Diagnose eines malignen Melanoms am linken Unterschenkel. Nicole Hansen wurde operiert, es wurden keine Metastasen festgestellt und sie erhielt eine zielgerichtete Immuntherapie. Aufgrund von Nebenwirkungen musste diese mehrmals gestoppt und angepasst werden. Der Zustand verschlechterte sich soweit, dass Nicole Hansen längere stationäre Aufenthalte hatte, bis eine Hypophysitis als Nebenwirkung ihrer Immuntherapie diagnostiziert und erfolgreich behandelt wurde. Nicole Hansen hat ihr Leben seitdem stark verändert: Sie erhält Erwerbsminderungsrente und arbeitet im Vergleich zu dem stressigen Alltag vor ihrer Diagnose nun geringfügig beschäftigt wenige Stunden als Fachschwester für Intensiv- und Beatmungsmedizin sowie als Gesundheits- und Ernährungsberaterin. Ihr Lebensstilwandel hin zu einem sehr gesundheitsbewussten Leben sowie ihre Familie haben ihr dabei geholfen, die Krankheit zu verarbeiten und geben ihr viel Lebensfreude im Alltag.

Nicole Hansen fiel eine Hautveränderung am Bein auf, die sie ihrer Hautärztin zeigte. Diese diagnostizierte den Befund als unbedenklich und empfahl eine weitere Beobachtung. In den folgenden Monaten veränderte sich die Läsion: Sie vergrößerte sich und begann gelegentlich zu bluten, besonders beim Duschen. Trotz erneuter Konsultation im Dezember 2022 erfolgte keine weitere Abklärung. Im April 2024 stellte Nicole Hansen sich nach weiterem Wachstum des Fleckes ihrem Hausarzt vor, der die Hautveränderung schließlich entfernte und als malignes Melanom im Endstadium diagnostizierte. Metastasen konnten ausgeschlossen werden. Es erfolgten ein großflächiger Nachschnitt sowie mehrere operative Eingriffe, inklusive Hauttransplantation. Nicole Hansen sagt, dass sie mit der Narbe zufrieden war, wenn sie auch eine Weile gebraucht hat, diese als Teil ihres Körpers zu akzeptieren. Den Diagnoseschock konnte sie durch ihre Familie – ihre beiden Söhne, ihre Eltern und ihren Bruder – verarbeiten. Vor allem halfen ihr Spaziergänge mit ihrer Mutter. Im Anschluss an die Wundheilung wurde eine gezielte Immuntherapie gestartet.

 Im Oktober 2023 kam es zu einer massiven Verschlechterung von Nicole Hansens Allgemeinzustand. Ihre Schilddrüse arbeitete nicht mehr einwandfrei, sie musste ins Krankenhaus, litt an Panikattacken und die Therapie wurde gestoppt und daraufhin gewechselt. Nicole Hansen ging es gut, bis sich der Zustand im Januar 2024 erneut verschlechterte. Sie litt an Fatigue und hatte eine Vielzahl von Synkopen, begleitet von Verletzungen wie einem Nasenbeinbruch. Trotz wiederholter Vorstellungen im Heimatkrankenhaus wurden zunächst keine organischen Ursachen festgestellt. Eine Einweisung in eine psychosomatische Klinik folgte – mit der Verdachtsdiagnose einer psychosomatisch bedingten Synkope. Nicole Hansen entließ sich dort nach drei Wochen selbst, da sich ihr Zustand zunehmend verschlechterte. Direkt nach Entlassung an Ostern 2024 hatte sie erneut eine Synkope mit Reanimationspflichtigkeit. Wiederum wurde eine psychosomatische Ursache angenommen – trotz signifikanter Symptome wie Luftnot und niedrigem Blutdruck.

 Nicole Hansen bestand auf ein CT, auf Basis dessen ihr ein Arzt im Krankenhaus die Verdachtsdiagnose von Lungenmetastasen mitteilte. Sie war erneut unter Schock, wollte sich jedoch damit nicht abfinden. Mit großer Eigeninitiative und Unterstützung ihrer Eltern kontaktierte Nicole Hansen die Hautklinik, die Nebenwirkungen der Immuntherapie in ihren Symptomen vermutete. Sie wurde in die Hautklinik verlegt und es wurde eine immunindizierte Hypophysitis sowie eine Pneumonitis festgestellt. Nicole Hansen war zu diesem Zeitpunkt bereits im dritten Stadium einer Addison Krise und damit in Lebensgefahr. Sie bekam hochdosiert Prednisolon, sodass es ihr über Nacht bereits besserging. Sie sagt, dass sie wusste, dass sie es schaffen wird. Nach drei Wochen wurde Nicole Hansen aus der Hautklinik entlassen, in der sie sich sehr gut betreut gefühlt hat. Sie hat sich jedoch noch sehr weit entfernt von sich selbst gefühlt. Durch eine Ärztin stieß sie auf ein spezielles Gesundheitscoaching-Konzept, was sie sehr in der Genesung unterstützt hat. Nicole Hansen lebt heute erfolgreich nach diesem Konzept: Sie hat ihre Ernährung komplett umgestellt und nimmt nur noch eine geringe Menge an Hydrokortison. Die Immuntherapie wurde nicht fortgesetzt und Nicole Hansen sagt, dass ihr Körper sich eingespielt hat. Dazu trägt laut Nicole Hansen auch maßgeblich bei, dass sie den Stress, den sie vor der Diagnose bei der Arbeit hatte, reduziert hat und insgesamt geduldiger und gesundheitsbewusster geworden ist.

Vor den Kontrolluntersuchungen macht Nicole Hansen sich weiterhin Sorgen. Ihre Familie kann sie jedoch gut auffangen und war ihr in der Krankheitsbewältigung eine immense Stütze, wenn sich ihre Eltern und ihre beiden Söhne auch große Sorgen gemacht haben. Nicole Hansen sagt, dass ihre Beziehung infolge ihrer Krankheit gescheitert ist, weil ihr Partner nicht mit der Krebsdiagnose umgehen konnte. Auch im weiteren Bekanntenkreis hat sich viel getan, indem Nicole Hansen sich von einigen Freund*innen distanzierte und neue Menschen, z. B. im Kontext der Selbsthilfe, in ihr Leben traten. Neben der Selbsthilfe halfen Nicole Hansen auch ihr Glaube und eine Psychoonkologin bei der Verarbeitung der Krankheit und ihrer Folgen. Nicole Hansen sagt, dass sie im Anschluss an die Erkrankung gelernt hat, ihr Leben mit viel mehr Freude zu leben und lässt sich nicht von ihrer Krankheit definieren.

 Das Interview wurde im September 2025 geführt.


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