Josef Ludwig hat sich durch eine Pflegefachperson gut auf die OP vorbereitet gefühlt.

Donnerstags kam dann, ich weiß nicht wo ich herkam, aber die Stationsschwester sagte: „Gehen Sie mal ins Zimmer, die Frau Dr. [Ärztin], wartet schon auf Sie.“ Ich bin rein, da stand die Ärztin vor mir. Ich bin nicht groß, aber die war noch ein ganzes Stück kleiner wie ich. Hat dann zu mir hochgeschaut und sagte: „Die und die bin ich und ich operiere Sie morgen und wir machen das.“ Ich sagte auf einmal: „Frau Doktor, ich will das gar nicht alles wissen.“ „Ich muss es Ihnen aber sagen: Also wir entfernen das Ohr, machen eine radikale Neck Dissection.“ Was wusste ich damals, was eine Neck Dissection ist, das so der halbe Hals weggeschnitten wird. Das wusste ich doch alles gar nicht. „Und dabei kann passieren, dass Ihr Mund schief steht anschließend.“ Und dieses Bild kannte ich, wenn ein Mensch- der Mund schief steht. Denn meine Mutter ist im 25. Lebensjahr an den Ohren operiert worden. Das war in den 1930er Jahren. Da war die Technik noch nicht so weit und es ist alles zerstört worden an den Nerven. Und da hatte die ein Leben lang einen schiefen Mund und hat immer damit zu leiden gehabt. Und jetzt habe ich gedacht, jetzt kriegst du das auch. Aber, aber ich wollte leben. „Ich verlasse mich jetzt ganz auf Sie. Ich lege mich in Ihre Hände und hoffe, dass wir es gut hinkriegen.“ Ja, sie ist dann fort und ich bin dann ans Telefon, damals noch Telefon im Haus mit Münzen, was heute gar nicht mehr vorstellbar wäre. Ich musste immer Groschen in der Tasche haben, für heimzurufen. Mein Gott, du hast es schon in den Beinen, der ganze Körper ist voll- lustlos, müde. Alles hat wehgetan und ich meiner Frau davon erzählt: „Morgen geht es in den OP-Saal und dort soll gemacht werden.“ „Ja, was ist das?“ „Ja“, sagte ich, „ich weiß auch nicht, ich muss es so hinnehmen, wie es ist.“ Gut. Am Abend kam die Nachtschwester und hat den Kopf blank gemacht. Ich hatte schon immer etwas längere Haare, nur nicht ganz so lang wie heute. Aber ich hatte immer schon gern längere Haare gehabt und die ganze Haarpracht ging flöten. Ich habe mich kaum noch erkannt. Und die Nachtschwester hat mir dann-, ich sagte ihr: „Ich werde die Nacht kein Auge zu machen.“ „Doch ich gebe Ihnen was, da schlafen Sie und ich wecke sie morgen früh genug, dass Sie sich vorbereiten können.“ Und das hat sie auch alles wunderbar gemacht. Ich habe auch die Nacht geschlafen, und ich bin dann am nächsten Tag auf, mich normal geduscht und zurechtgemacht. Und habe mich dann von mir verabschiedet im Spiegel. Ich wusste, so sehe ich mich nicht mehr in meinem Leben. Habe gedacht, mach es gut. Bin in mein Zimmer und habe nicht mehr in den Spiegel geguckt, Fall war erledigt. Das Hemd lag da, die Strümpfe lagen da, die Kopfhaube, obwohl die ja nachher ausgezogen worden ist, aber das war halt so. Ja, und dann die Schritte: Jetzt kommen sie, jetzt kommen sie! Irgendwann ging die Tür auf, das Kommando kam und dann ging es zum OP. Eine Reise, die hat- im Bett liegend- hat zwei Stunden gedauert, aber es waren nur drei Minuten, bis wir da waren. Die Akte lag auf dem Bett, jeder Doktor kam und hat dann schon mal dahin geguckt. Ich war im Flur, der Pfleger war noch bei mir und sagte: „Ich mache Ihnen jetzt den Zugang, da kommt alles rein, nachher zur Betäubung und sie spüren nichts davon, Sie schlafen.“ Da sagte ich zu dem: „Ich habe Angst.“ Er sagte: „Das dürfen Sie haben.“ Und dann war ich weg, nix mehr gemerkt. Ich bin eingeschlafen. Nicht im OP, schon vorher. Habe nichts gemerkt, dass die mich auf den OP-Tisch gehoben haben oder so, überhaupt nix, gar nix. Man hat mir erzählt, dass die Operation Stunden gedauert hat. Jetzt genau weiß ich heute auch nicht mehr, wenn das um 8:30 Uhr oder wann losging. Also zwei, drei Stunden, vielleicht auch länger, ich weiß nicht. Ich will da auch nichts Falsches erzählen. Ich bin auf jeden Fall am späten Nachmittag wach geworden und lag auf dem Intensivzimmer, getrennt durch einen Vorhang, einen weiteren Patienten neben mir. Weiß ich bis heute nicht, wer das war, ob es ein Mann war oder eine Frau war, alter Mensch, junger Mensch, weiß ich alles nicht. Kann ich nicht sagen. Nie gesehen, nie gehört.