Die Erfahrungen von Heike Papst

Portrait Heike Papst ist 50 Jahre alt und verheiratet. Seit ihrer späten Jugend hat sie Ess-Brech-Anfälle. Trotz mehrerer Klinikaufenthalte, ambulanter Therapie und der Mitgliedschaft in der Selbsthilfegruppe Overeaters Anonymous (OA) war lange keine Besserung in Sicht. Erst zunehmendes Engagement in der Selbsthilfegruppe half ihr. Inzwischen lebt Heike Papst seit dreieinhalb Jahren ohne Rückfall. Sie ist gelernte Friseurin und frühberentet.

Heike Papst erzählt, dass sie sich in Kindheit und Jugend, obwohl sie normalgewichtig war, immer zu dick fühlte. Sie begann, abends heimlich zu naschen und das Genaschte zu erbrechen. Als sie mit Anfang 20 mit ihrem Mann zusammenzog und oft zu Hause allein war, wurden die Ess-Brech-Anfälle immer häufiger, irgendwann ging es „ganz von alleine“. Heike Papst schildert, dass es in ihrem Kopf nur noch um die Frage ging, wie sie an Essen herankommen und wie sie das „Fressen und Kotzen“ verheimlichen konnte. Ihr Mann bemerkte jedoch, dass etwas nicht stimmte und brachte sie zu einer Beratungsstelle. Trotz ambulanter Psychotherapie wurde es immer schlimmer. Manchmal stand sie kurz davor, sich selbst umzubringen.

Irgendwann hatte sie durch das tägliche Essen und Erbrechen so starke Schmerzen, dass sie zusammenbrach. Heike Papst führt Probleme an der Halswirbelsäule, an der sie zweimal operiert wurde, unter anderem auf die starke Belastung durch ihr Ess-Brech-Verhalten zurück. Bei einer OP legte eine Oberärztin ihr, auch aufgrund des zu diesem Zeitpunkt sehr niedrigen Gewichts, einen längeren Klinikaufenthalt nahe.

Während ihrer Klinikaufenthalte fühlte sich Heike Papst kontrolliert. Sie schildert, dass sie sich dem Programm der Klinik gegenüber verschloss und, obwohl sie dort wieder zunahm, kaum von dem Aufenthalt profitierte. Nach einer weiteren OP an der Wirbelsäule beantragte Heike Papst die Rente, die schließlich bewilligt wurde. Sie berichtet, auch in den folgenden Jahren trotz ambulanter Therapie, weiteren Klinikaufenthalten und der Teilnahme an der Selbsthilfegruppe Overeaters Anonymus (OA) weiterhin fast täglich Ess-Brech-Anfälle gehabt zu haben.

Erst nach einigen Jahren in der Selbsthilfegruppe wuchs Heike Papsts Interesse an dem Programm und an den Hintergründen der OA, die ihr von erfahrenen Mitgliedern nähergebracht wurden. Heike Papst erzählt, dass sie mehr Verantwortung in ihrer Gruppe übernahm und erste Erfolge damit hatte, das „Fressen und Kotzen“ sein zu lassen. Die Gruppe gab ihr einen großen Rückhalt.

Heute lebt Heike Papst seit dreieinhalb Jahren rückfallfrei und kann sich wieder „maßvoll“ ernähren. Sie wiegt sich nicht mehr, da sie weiß, dass es ohnehin kein Gewicht für sie gibt, das sie nicht in innere Nöte bringt. Einmal im Monat geht sie zu einer ambulanten Psychotherapie, die ihr guttut. Vor allem helfen ihr aber das Weitertragen ihres Wissens und ihrer Erfahrung an andere Essgestörte sowie die Methoden und „Werkzeuge“ aus der Selbsthilfegruppe dabei, „abstinent“ zu bleiben, also keine Ess-Brech-Anfälle zu haben.

Das Interview wurde im Sommer 2016 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Heike Papst

Heike Papst sagt, in der Selbsthilfegruppe kann man erfahren, dass man wirklich nicht verrückt, sondern krank ist.

Heike Papst wünscht sich, dass Therapeuten Selbsthilfegruppen als Ergänzung und nicht als Konkurrenz wahrnehmen.

Heike Papst findet einen Vorteil der Selbsthilfegruppe gegenüber dem Gespräch mit Therapeuten, dass sie sich in den Aussagen der anderen Betroffenen wiedererkennt.

Heike Papst fühlte sich in der Klinik eingesperrt und kontrolliert.

Für Heike Papst gehört ein Gefühl von Isolation zur Essstörung dazu.

Heike Papst versuchte immer, bei Rückfällen nicht aufzugeben.

Heike Papst ging lange nicht ins Schwimmbad, weil es ihr unangenehm war, gesehen zu werden. Seit einem Schlüsselerlebnis ist es wieder möglich.

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