Die Erfahrungen von Martina Fuhrmann

Portrait Martina Fuhrmann ist 63 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Essen war für sie immer ein Beruhigungsmittel. In ihrer frühen Jugend machte sie Diäten, die sie sehr unter Druck setzten. Als sie wegen eines Skiunfalls keinen Sport mehr treiben konnte, nahm sie stark zu. Psychotherapie, Klinikaufenthalte und besonders die Selbsthilfegruppe Overeaters Anonymus halfen ihr.

Martina Fuhrmann erzählt, dass das Essen ab der Pubertät mit etwa 14 Jahren ein Problem für sie wurde. Sie besuchte als erste in der Familie das Gymnasium und stand unter hohem Leistungsdruck. Im Nachhinein denkt sie, dass ihre Eltern und deren Erziehung sowie deren Einstellung zum Essen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung ihrer Essstörung spielten. Wenn sie aß, hatte sie das Gefühl, ihre Eltern wohlgesonnen zu stimmen.

Martina Fuhrmann erinnert sich, dass sie und ihre Mitschülerinnen das Model „Twiggy“ bewunderten und Brigitte-Diäten machten. Sie fand sich selbst zu dick und wertete sich ab, wenn sie die Diät nicht einhielt. Sie begann, extrem viel Sport zu machen und fühlt sich auch dabei sehr unter Druck. Nach einer Sportverletzung nahm sie zu, da sie das Essen nicht mehr „ausgleichen“ konnte. Sie schildert, dass sie sich unwohl, allein und abnormal fühlte.

Durch die psychologische Beratungsstelle ihrer Universität, eine ambulante Verhaltenstherapie und einen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik gelang es Martina Fuhrmann, ein besseres Verhältnis zu sich und ihrem Körper zu entwickeln. Die größte Wende bedeutete es für sie, als sie über die Empfehlung eines Arztes zur Selbsthilfegruppe „Overeaters Anonymous“ (OA) kam, wo sie Herzlichkeit, Verständnis und Empathie erlebte und das Gefühl hatte, mit ihren Problemen nicht alleine zu sein. Sie kam dort auf die Idee, ihre Essanfälle durch Erbrechen zu kompensieren, was für sie zunächst eine Erlösung war. Sie erzählt, dass sie inzwischen besser verstanden hat, warum sie die Möglichkeit zu Erbrechen brauchte, und dass sie es inzwischen nicht mehr nötig hat.

Martina Fuhrmann sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung ihrer Essstörung und ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft. Sie schildert, dass ihre erste Schwangerschaft für sie ein riesen Problem war, da sie wieder zunahm. Auch heute bleibt es für sie schwierig, wenn sie an Gewicht zunimmt, und sie isst nur bestimmte Sachen. In ihrer Familie geht sie mit ihrer Essstörung offen um und fühlt sich unterstützt.

Martina Fuhrmann macht seit vielen Jahren Yoga und geht einmal in der Woche in die Sauna, was ihr hilft, sich in ihrem Körper zuhause zu fühlen. Sie denkt rückblickend, dass die Essstörung für sie eine Möglichkeit war, mit ihrer Ursprungsfamilie umzugehen und sie durch die Essstörung viel gelernt und eine bewusste Einstellung zum Leben erworben hat.

Das Interview wurde im Frühling 2016 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Martina Fuhrmann

Martina Fuhrmann ermutigt, alle Unterstützung zu nutzen, die einem hilft.

Martina Fuhrmann dachte anfangs, die Essstörung sei ein individuelles Problem, das nur sie betrifft.

Martina Fuhrmann fand in der Selbsthilfegruppe den liebevollen Umgang miteinander und die Möglichkeit, in schwierigen Situationen jemanden anzurufen, besonders wichtig.

Für Martina Fuhrmann war Yoga hilfreich, um sich in ihrem Körper wieder zuhause zu fühlen.

Martina Fuhrmann verabredete sich viel an den Wochenenden. Das gab ihr Struktur.

Martina Fuhrmann erzählt, wie sie und ihre Familie mit der Essstörung umgehen.

Für Martina Fuhrmann war die erste Schwangerschaft schwierig, weil sie mit dem Zunehmen zurechtkommen musste und ihr häufig übel war.

Für Martina Fuhrmann spielten viele Faktoren eine Rolle bei der Besserung.

Martina Fuhrmann erzählt, dass sie unter großem Leistungsdruck stand und Essen in ihrer Familie eine wichtige Bedeutung hatte.

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