Die Erfahrungen von Miriam Baumann

Portrait Miriam Baumann ist 18 Jahre alt, Schülerin und lebt aktuell bei ihren Eltern. Mit 11 Jahren begann sie ihr Essen einzuschränken, woraufhin sie sehr stark abnahm. Auf Anraten einer Ernährungsberaterin wurde sie stationär behandelt. Sie bekam eine Magensonde, wodurch sie zunehmen konnte und sich ihr Zustand stabilisierte. Dennoch beschäftigt sie sich auch aktuell noch viel mit dem Essen.

Miriam Baumann erzählt, dass sie schon in ihrer Grundschule eine Konkurrenz darum erlebte, wer am wenigsten aß und am Dünnsten war. Mit elf Jahren begann sie bei einem Aufenthalt im Landschulheim auf Essen zu verzichten, was ihr Genugtuung verschaffte. Zuhause machte sie damit weiter. Sie nahm immer mehr ab und hatte zunehmend depressive Verstimmungen, bis hin zu dem Gedanken, dass sie am liebsten sterben würde.

Im Nachhinein sagt Miriam Baumann, dass sie sich gewünscht hätte, jemand in der Klasse hätte sie darauf angesprochen. Für sie war die Essstörung auch ein Hilfeschrei, da sie sich verloren fühlte. Ihre Eltern merkten zum Glück schnell, was los war, auch weil ihre Mutter selbst mit dem Thema Essstörungen Erfahrungen hatte.

Ihre Mutter ging mit Miriam Baumann zu einer Ernährungsberaterin, die ihr sagte, sie müsse sofort in eine Klinik. Erst in diesem Moment merkte sie schockartig, wie schlimm es war. Sie kam in ein Kinderkrankenhaus, wo sie eine Magensonde bekam. Auch wenn diese Erfahrung für Miriam Baumann schlimm war, ist sie im Nachhinein froh, dass es so gelaufen ist. Sie ist sich sicher, dass sie anders nicht hätte zunehmen können, aber mit dem Zunehmen kam ihre Lebensfreude zurück. Nach einer Weile kam sie in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo sie die Magensonde zunächst behielt. Sie fand dort das gemeinsame Kochen und die Gemeinschaft beim Essen besonders hilfreich. Schlimm war es für sie, für die Klinikaufenthalte von ihren Eltern „weggerissen“ zu werden. Für sie ist es nach dieser Erfahrung heute noch schwer, von zuhause wegzugehen, weil das Gefühl dann wieder hochkommt. Für Miriam Baumann war es in der ganzen Zeit wichtig, dass ihre Familie hinter ihr stand. Besonders die häufigen Besuche und Briefe ihrer Mutter haben ihr geholfen und ihre Beziehung zueinander gestärkt.

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik konnte Miriam Baumann zurück in ihre alte Klasse. Das Thema Essen trat eine Zeitlang in den Hintergrund. Als sie von zuhause auszog und alleine wohnte, fing sie an, ihr Essen stark zu kontrollieren. Um das besser in den Griff zu bekommen, zog sie vor kurzem wieder zu ihren Eltern. Regelmäßiger Kraftsport hilft ihr, mit ihrem Körper einigermaßen zufrieden zu sein und ihn besser zu schätzen. Essen ist weiterhin ein großes Thema. Für die Zukunft wünscht sie sich, weniger darüber nachzudenken, sodass es zu einer Nebensache wird.

Das Interview wurde im Frühjahr 2016 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Miriam Baumann

Miriam Baumann begann im Landschulheim, auf Essen zu verzichten.

Miriam Baumann merkte erst an der Reaktion der Ernährungsberaterin, wie krank sie war.

Miriam Baumann bewertet die Magensonde im Nachhinein als hilfreich, obwohl sie anfangs sehr wütend darüber war.

Miriam Baumann fühlte sich von der ersten Ernährungsberaterin alleine gelassen. Bei der zweiten merkte sie, wie krank sie ist.

Miriam Baumann hat so etwas wie eine Stimme im Kopf, die sie in der Essstörung anspornt.

Bei Miriam Baumann gab es häufig Streit zuhause, weil ihre Eltern wollten, dass sie etwas isst.

Miriam Baumanns Mutter machte sich große Sorgen um ihr Kind.

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