Systemische Therapieformen
Systemische Therapien bei Hautkrebs sind Behandlungen, die im gesamten Körper wirken und dadurch auch Krebszellen erreichen können, die sich bereits ausgebreitet haben. Sie kommen vor allem bei fortgeschrittenen oder metastasierten Erkrankungsstadien des malignen Melanoms zum Einsatz, um das Tumorwachstum zu stoppen oder zu verringern. Zu den wichtigsten Formen zählen Immuntherapie, zielgerichtete Therapie, Chemotherapie und Virotherapie. Eine Chemotherapie wird mittlerweile seltener bei Hautkrebs eingesetzt.
Die Interviewpartner*innen, die Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium und/oder Metastasen hatten, wurden durch verschiedene systemische Therapien behandelt. Gesundes Gewebe kann dabei in Mitleidenschaft gezogen werden. So erzählten auch unsere Interviewpartner*innen von verschiedenen Nebenwirkungen und starken Beeinträchtigungen, beispielsweise Müdigkeit, Fieber, Muskelschmerzen, Ausschläge, Juckreiz und weiße Flecken (Vitiligo) insbesondere unter Immun-Checkpoint-Inhibitoren. Auch der Magen-Darm-Trakt war bei einigen Befragten betroffen, z. B. durch Bauchschmerzen, Durchfall oder Übelkeit. Darüber hinaus kam es bei manchen zu Entzündungen in Lunge, Herz oder Muskeln. Auch das Hormonsystem reagierte bei einigen Interviewpartner*innen, insbesondere in Form von Störungen der Nebennieren und Hypophyse. Die Folgen waren für manche lebensbedrohlich und erforderten weitere Behandlungen oder Medikamenteneinnahmen. So hatten viele Interviewpartner*innen im Laufe ihrer Erkrankung Berührungspunkte mit verschiedenen Fachärzt*innen. Eine Übersicht der Therapien zum malignen Melanom finden Sie auch hier sowie zum weißen Hautkrebs hier)
Immuntherapie
Bei der Immuntherapie wird das körpereigene Immunsystem aktiviert, damit es Tumorzellen gezielt bekämpft. Manche Interviewpartner*innen hatten eine Interferon-Therapie. Hierbei werden künstlich hergestellte Interferone verabreicht, die das Immunsystem allgemein stimulieren. Die Wirkung ist eher unspezifisch und Nebenwirkungen sind relativ häufig. Die Interferon-Therapie wird daher heute kaum noch angewendet, da moderne Immuntherapien bessere Ergebnisse zeigen. Insbesondere unsere Interviewpartner*innen mit malignem Melanom, bei denen die Diagnose einige Jahre zurücklag, erzählten von ihren Erfahrungen mit der Interferon-Therapie und den Nebenwirkungen.
Susanne Hoppe hat die Interferon-Therapie nicht gut vertragen.
Ute Pfeifer hat die Interferon-Therapie aufgrund der zu erwartenden Nebenwirkungen abgelehnt.
Susanne Huber fand die Interferon-Therapie schrecklich.
Moderne Immuntherapien mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren (Ipilumab, Nivolumab und Pembolizumab) sorgen dafür, dass die Immunantwort des Körpers nicht durch die Tumorzellen gestört wird. Viele Interviewpartner*innen berichteten, dass sie in zwei- bis sechswöchigen Abständen Infusionen mit Checkpoint-Inhibitoren erhielten. Die Therapie strukturierte für viele den Alltag über längere Zeit hinweg und wurde zugleich als Hoffnungsträger, aber auch als belastend erlebt.
Für Kai Fritz war schnell klar, dass er die Immuntherapie macht, um Rezidiven vorzubeugen.
Fast alle Interviewpartner*innen berichteten von teils starken Nebenwirkungen, die sowohl körperlich als auch emotional als herausfordernd beschrieben wurden. Dazu zählte unter anderem eine ausgeprägte Erschöpfung, die die Leistungsfähigkeit im Alltag einschränkte. Manche Interviewpartner*innen äußerten, dass sie dadurch ein Gefühl des „Ausgeliefert-Seins“ verspürten.
Petra Zeller musste neue Grenzen setzen, um der Fatigue zu begegnen.
Neben der starken Erschöpfung berichteten viele Interviewpartner*innen mit malignem Melanom, dass die Immuntherapie Folgen für andere Organe hatte. Sie schilderten, wie weitere Fachdisziplinen in ihre Behandlung einbezogen wurden.
Für Katharina Hofmann waren die Folgen der Immuntherapie lebensbedrohlich.
Viele Interviewpartner*innen berichteten, dass sie Kortison nehmen mussten, um den Nebenwirkungen zu begegnen, was wiederum weitere Folgen für ihre gesundheitliche Verfassung hatte, wie beispielsweise Schlafstörungen (siehe auch "Auswirkungen auf den Alltag" und "Körperbild und Narben")). Die Kortison-Einnahme verhinderte wiederum die Fortsetzung der Immuntherapie, sodass manche Interviewpartner*innen einen stetigen Wechsel aus beiden Behandlungen erlebten.
Das Erleben der Nebenwirkungen machte die Erkrankung für viele besonders spürbar und verstärkte zeitweise die psychische Belastung. Gleichzeitig beschrieben einige, dass sie im Umgang mit den Therapiefolgen im Laufe der Zeit Strategien entwickelten, um besser damit umzugehen. Als hilfreich wurden vor allem eine gute ärztliche Begleitung, das Wissen um mögliche Nebenwirkungen sowie das Gefühl, mit Beschwerden ernst genommen zu werden, genannt. Auch Unterstützung durch das soziale Umfeld, Ruhepausen und das Anpassen eigener Erwartungen an die Leistungsfähigkeit trugen dazu bei, die Therapiephase besser zu bewältigen.
Eine spezielle Nebenwirkung der modernen Immuntherapie ist die autoimmune Hypophysitis, von der einige Interviewpartner*innen berichteten. Die Hypophyse oder auch Hirnanhangdrüse befindet sich an der Basis des Schädels und spielt eine entscheidende Rolle bei der Ausschüttung vieler wichtiger Hormone im Körper. Eine Entzündung dieser Drüse (Hypophysitis) kann zu einer Reihe von Symptomen führen. Dazu gehören vor allem starke Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwäche und Gewichtszunahme. In der Folge kann es zu einer Hypophyseninsuffizienz kommen, bei der nicht ausreichend Hormone produziert werden.
Besonders relevant ist dabei die verminderte Ausschüttung von ACTH, wodurch die Nebennieren zu wenig Cortisol produzieren (sekundäre Nebenniereninsuffizienz). Daher ist häufig eine langfristige Hormonersatztherapie notwendig. (weitere Informationen finden Sie hier).
Die Erfahrungen der Interviewpartner*innen in Bezug auf Aufklärung und Information waren sehr unterschiedlich. Einige berichteten, dass sie vor Beginn der Therapie ausführlich über mögliche Nebenwirkungen informiert wurden und dadurch Symptome wie Kopfschmerzen oder extreme Müdigkeit frühzeitig erkennen und ihre Ärzt*innen rechtzeitig darauf ansprechen konnten. Andere hingegen fühlten sich unzureichend aufgeklärt, was zu Unsicherheit und Sorge führte, als Symptome auftraten. Als hilfreich beschrieben die Interviewpartner*innen insbesondere eine klare Kommunikation durch die behandelnden Ärzt*innen, verständliche Informationen über mögliche Symptome sowie Unterstützung durch das medizinische und soziale Umfeld. Auf diese Weise konnten sie besser mit den Nebenwirkungen umgehen und notwendige Maßnahmen wie Hormon-Substitution rechtzeitig einleiten.
Martina Wenzel sieht eher in der Hypophyseninsuffizienz als im Krebs eine Herausforderung.
Zielegerichtete Therapie
Zielgerichtete Therapien wirken bei Melanomen, indem sie spezifische genetische Veränderungen in den Tumorzellen angreifen. BRAF-Hemmer blockieren zentrale Wachstumssignale und kommen bei Betroffenen mit einer Mutation im BRAF-Protein zum Einsatz. Dieses Protein ist Teil eines Signalwegs, der normalerweise das Zellwachstum und -überleben reguliert. Liegt eine BRAF-Mutation vor, ist der Signalweg dauerhaft aktiviert, was zu unkontrolliertem Wachstum der Melanomzellen führt. BRAF-Hemmer werden heute meist in Kombination mit MEK-Hemmern (z. B. Dabrafenib und Trametinib) eingesetzt, um den Signalweg effektiver zu blockieren. Die Therapie erfolgt in Tablettenform (https://infoportal-hautkrebs.de/hautkrebsarten/malignes-melanom/behandlung). Einige Interviewpartner*innen mit der Mutation schilderten ihre persönlichen Erfahrungen mit der zielgerichteten Therapie. Dabei beschrieben sie sowohl körperliche Belastungen, etwa durch Nebenwirkungen wie Fieber, Müdigkeit, Hautreaktionen, Gelenkschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden, als auch emotionale Herausforderungen, zum Beispiel Unsicherheit über die Wirksamkeit oder Angst vor Krankheitsprogression. Gleichzeitig sahen viele in der Therapie Chancen, das Tumorwachstum effektiv zu kontrollieren und dadurch Hoffnung auf Stabilisierung oder Verbesserung ihres Gesundheitszustands zu gewinnen. Als hilfreich nannten sie insbesondere eine gute ärztliche Begleitung, transparente Informationen über Nebenwirkungen, regelmäßige Kontrollen und die Unterstützung durch Familie oder Freund*innen. Diese Faktoren trugen dazu bei, den Alltag mit der Therapie zu bewältigen und das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit trotz der Erkrankung zu stärken.
Elke Gruber hatte starke Nebenwirkungen der zielgerichteten Therapie.
Infolge der zielgerichteten Therapie hatte Stefan Richter Entzündungen im Darm.
Claudia Jansen fiel die Entscheidung für die Therapie nicht leicht.
Dirk Winter war erleichtert, dass er die zielgerichtete Therapie machen konnte.
Virotherapie
Die Virotherapie nutzt gentechnisch veränderte, onkolytische Viren, die bevorzugt Krebszellen infizieren, zerstören und gleichzeitig eine starke Immunreaktion gegen den Tumor auslösen (z. B. T-VEC beim Melanom). Drei unserer Interviewpartnerinnen haben Erfahrungen mit einer Virotherapie gemacht. Sie beschrieben die Behandlung als ambivalent: Einerseits sahen sie darin die Chance, das Immunsystem gezielt gegen den Tumor zu aktivieren, und empfanden Hoffnung und Motivation, aktiv gegen die Erkrankung vorzugehen. Andererseits traten auch Nebenwirkungen auf, die an eine starke Impfreaktion erinnerten, wie Fieber, Müdigkeit, Gliederschmerzen oder grippeähnliche Symptome. Auch das Warten, das mit dem Eingriff selbst einherging, wurde als belastend beschrieben. Hilfreich für die Betroffenen war vor allem das Wissen, dass die Nebenwirkungen meist vorübergehend waren und ein Zeichen dafür sein konnten, dass die Therapie wirkte. Auch Atemtechniken wurden als unterstützend erlebt.
Für Heike Sommer war das Warten im Kontext der Virotherapie schwierig.
Bei Martina Wenzel hat die Virotherapie dafür gesorgt, dass die Metastasen zerstört wurden.
Monika Bender hatte nach der Virotherapie ähnliche körperliche Symptome wie bei einer Impfreaktion.
