Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 373.850 Menschen an Hautkrebs. Beim schwarzen Hautkrebs (Melanom) liegen die Neuerkrankungen jährlich bei rund 47.840 Personen, während etwa 194.290 Menschen am Basalzellkarzinom und 131.720 Menschen am Plattenepithelkarzinom erkranken, den beiden häufigsten Formen des hellen Hautkrebses (https://www.krebshilfe.de/informieren/ueber-krebs/krebsarten/hautkrebs/). Die weißen Hautkrebsformen metastasieren nur selten und sind daher in der Regel nicht lebensbedrohlich.

Insgesamt ist die Sterblichkeit bei Hautkrebs trotz steigender Erkrankungszahlen niedrig, was unter anderem auf verbesserte Früherkennung und Therapie zurückzuführen ist. Auch beim malignen Melanom, das als aggressivste Form gilt, überleben heute die meisten Betroffenen. Etwa 95 % der Erkrankten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. Dennoch ist es im Vergleich zum deutlich häufigeren hellen Hautkrebs häufiger mit tödlichen Verläufen verbunden und für den größten Teil der Hautkrebssterbefälle verantwortlich (Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums, 2026).

Im Verlauf ihrer Erkrankung berichteten die meisten Interviewpartner*innen, dass sie sich auf unterschiedliche Weise mit der eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt hatten. Viele schilderten, dass die Diagnose Hautkrebs sowie die Therapiefolgen eine intensive Beschäftigung mit dem Thema Tod und Sterben ausgelöst hatten. Sie erzählten, dass die Krankheit das Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit schärfte.

Interviewpartner*innen mit hellem Hautkrebs beschrieben häufig eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema, die keine akute Angst beinhaltete. Einzelne äußerten, dass sie sich keine Gedanken zum Thema Tod und Sterben machten.

Jürgen Glaser ist bewusst, dass der weiße Hautkrebs nicht tödlich ist.

Manfred Drescher hat keine Angst vor dem Tod.

Unsere Interviewpartner*innen mit malignem Melanom berichteten wiederum häufiger von einer intensiven Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit. Insbesondere Interviewpartner*innen mit Metastasen äußerten, dass der Tod zeitweise zu einem präsenten Thema in ihrem Alltag und Denken geworden sei. Sie berichteten wiederum auch, dass die Wahrnehmung der Endlichkeit sich mit der Zeit verändert. Während das Auftreten der Metastasen sie plötzlich mit dem Thema Tod und Sterben konfrontierte, sprachen viele über eine Akzeptanz oder einem Verblassen des Themas über die Zeit, vor allem bei erfolgreicher Behandlung. Unsere Interviewpartner*innen erzählten von unterschiedlichen Bewältigungsmechanismen mit Gefühlen wie Angst und Unsicherheit, die bei der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben entstanden seien.

Katharina Hofmann hat sich nach dem dritten Auftreten von Metastasen mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt.

Für Martina Wenzel verblasste das Thema Tod und Sterben mit der Zeit.

Elke Gruber hilft Weinen.

Weiterhin berichteten unsere Interviewpartner*innen unabhängig von der Hautkrebsform, dass sie sich damit beschäftigen, ihre Zukunft neu zu gestalten, beispielsweise in Hinblick auf Ziele und Prioritäten: Sie beschrieben die Bedeutung von familiären und freundschaftlichen Beziehungen, von Urlaub und Reisen sowie kleinen Genussmomenten im Alltag, z. B. bei einem Kaffee auf der Terrasse oder einem Waldspaziergang. Berufliche Sorgen, aber auch einfache Tätigkeiten im Haushalt wurden vielen wiederum weniger wichtig. Auch beschrieben insbesondere unsere Interviewpartner*innen mit metastasierenden malignen Melanomen, mit rezidivierendem hellem Hautkrebs sowie Gorlin-Goltz, dass sie intensiv darüber nachdachten, wie sie mit der Erkrankung leben wollten und was noch vor ihnen liegen könnte.

Bei Thomas Kellner hat die Krankheit den Blick auf das Positive im Leben verstärkt.

Jasmin Naumann denkt darüber nach, wie sie älter werden wird.

Der Umgang mit der Erkenntnis über die eigene Endlichkeit gestaltete sich unter den Interviewpartner*innen sehr unterschiedlich. Viele beschrieben, dass das Regeln persönlicher Angelegenheiten wie das Verfassen von Patientenverfügungen oder Vorsorgevollmachten als entlastend erlebt wurde, sowohl für sie selbst als auch für ihre Angehörigen. Diese sollten im Falle des Todes nicht allein mit schwierigen Entscheidungen zurückbleiben. Andere empfanden das Nicht-Festlegen als stimmiger für ihre aktuelle Situation. Manche Interviewpartner*innen berichteten auch von Gefühlen der Dankbarkeit und Zufriedenheit: für gelebte Jahre, für Beziehungen und dafür, dass es ihnen gutging. Altern, Tod und Sterben wurden nicht ausschließlich als bedrohlich wahrgenommen, sondern als natürlicher Teil des Lebens. So beschrieben einige, wie Altern und Sterben für sie mit Akzeptanz, Verantwortung und Sinnsuche verbunden waren.

Claudia Jansen machte sich Gedanken, was sie ihrem Umfeld hinterlassen möchte.

Stefan Richter beruhigte es, dass er hinsichtlich seiner Beerdigung alles geregelt hatte.

Susanne Hoppe freut sich über ihren Platz in einem Friedwald.  

Ute Pfeifer kam durch die Begleitung einer Freundin mit einem Hospiz in Berührung und findet es wichtig, eigene Entscheidungen zu treffen.

Im Umgang mit den Themen Endlichkeit und Sterben nutzten unsere Interviewpartner*innen unterschiedliche Kommunikations- und Handlungsmuster. Manche sprachen offen mit ihren Angehörigen. Andere schilderten, dass sie kaum mit anderen über den Tod sprachen. Wieder andere wollten ihre Angehörigen nicht belasten und suchten stattdessen den Austausch in Selbsthilfegruppen mit anderen Betroffenen.

Die Mutter von Jennifer Zimmer weiß, wie sie beerdigt werden möchte.

Katharina Hofmann hat ihren Frieden gefunden und mit ihrer Familie offen über das Thema Sterben gesprochen.

Dirk Winter hat sich alleine mit dem Thema Patientenverfügung beschäftigt und nicht mit anderen darüber gesprochen.

Über das Thema Sterben spricht Monika Bender vor allem in der Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen und hat sich bereits ein Hospiz angeschaut.

Ältere Interviewpartner*innen erzählten, wie sie das Thema Endlichkeit auch wegen spürbarer körperlicher Veränderungen und gesundheitlicher Belastungen, die sie dem Alter zuschreiben, beschäftigt. Der Krebs, so schilderten manche, verlor dabei an Bedeutung. Sie beschrieben ein umfassenderes Erleben von Altern, Verletzlichkeit und begrenzter körperlicher Leistungsfähigkeit, das ihren Blick auf das eigene Leben veränderte. Unabhängig von konkreten Krankheitsverläufen kam es zu Rückblicken auf frühere Lebensweisen. Einzelne Interviewpartner*innen erzählten, dass sie das Leben mit fortschreitendem Alter anders sahen und eine gewisse Akzeptanz gegenüber gesundheitlichen Einschränkungen entwickelten.  

Andreas Engels fand es wichtig, mit den Einschränkungen leben zu lernen, die sich durch Krankheit und Alter entwickeln.

Klaus Lehmann sagt, dass sein Alter von 83 Jahren es mit sich bringt, den Tod und das Sterben offen anzunehmen.

Für manche Interviewpartner*innen wurde Auseinandersetzung mit Altern und Endlichkeit infolge der Krebserkrankung auch Anlass dazu, sich mehr um die eigene Gesundheit zu kümmern. Sie schilderten, dass sie sich vermehrt mit Vorsorgeuntersuchungen, insbesondere mit hautärztlichen Kontrolluntersuchungen, aber auch z. B. mit Darmkrebs- und Prostatakrebsvorsorge auseinandersetzten. Darüber hinaus beschrieben sie Veränderungen im eigenen Gesundheitsverhalten, etwa einen bewussteren Umgang mit UV-Strahlung (z. B. konsequenterer Sonnenschutz, Vermeidung intensiver Sonnenexposition), eine stärkere Aufmerksamkeit für körperliche Veränderungen sowie teilweise auch Anpassungen in Lebensstilbereichen wie Ernährung oder Bewegung.

Bei Sebastian Mertens hat die Hautkrebsdiagnose eine Auseinandersetzung mit Alter und medizinischen Vorsorgeuntersuchungen angeregt.